guilt.

im moment sterben leute um mich herum.

zu meinem geburtstag wollte ich ich einen tisch im wahrscheinlich besten restaurant saalfelds vorbestellen. ich rufe an. einen tisch bitte. geht nicht, das restaurant ist geschlossen … und wird auch nicht wieder eröffnen. ein tragischer todesfall in der familie. der besitzer erkannte wohl meine stimme wieder am telefon und ging ins detail. sein sohn ist dem plötzlichen kindstod erlegen. schock. etwas in meinem brustkorb verkrampft sich. ein “herzliches beileid” kam mir da nicht über die lippen. ich halte es für eine geheuchelte ausgeleierte floskel. im ersten moment der erdrückenden verlegenheit ist es mir beinahe über die lippen gehuscht aber ich konnte mich zusammen reißen. meine reaktion zeigt mehr anteilnahme als es mit worten möglich gewesen wäre auszudrücken.

tage später kommt mir der gedanke genauere informationen einzuholen. was ist das eigentlich, der plötzliche kindstod? kinder sterben doch nicht einfach so. oder doch? naja, die wikipedia ist natürlich der erste anlaufpunkt. dort spricht man von einer wissenschaftlich ungeklärten ursache. das einholen einer zweiten googelmeinung brachte mich schnell auf die seiten des verfechters jener wissenschaftlichen meinung, die in der wikipedia als unzureichend und international nicht anerkannt gilt – zusammen mit einem onlineshop, der die passende gegenmaßnahme zum plötzlichen kindstod verkauft.
die frage, warum sich die wissenschaftliche gemeinschaft und staatliche verantwortungsträger trotz der vermeintlich erdrückenden beweislast gegen eine anerkennung seiner forschungsergebnisse wehrt, beantwortet er in etwa so: die erkenntnis der ursachen des plötzlichen kindstodes implizieren die unbequeme wahrheit, daß die betroffenen eltern durchaus eine teilschuld am tod ihres eigenen kindes tragen könnten. dies den traumatisierten eltern mitzuteilen fällt schwer.

und ich als halb betroffener sitze nun zwischen den stühlen. auf der einen seite sehe ich einen mann der nicht mehr lachen kann. auf der anderen seite habe ich im nachhinein möglicherweise das wissen bekommen wie diese tragödie zu verhindern gewesen wäre, traue mich aber unter gar keinen umständen ihn darauf hinzuweisen. schon gar nicht mit dem zweifel im hinterkopf, daß derjenige, der da seine forschungsergebnisse publiziert dies möglicherweise als geschäftsidee betreibt.

ich beschließe diese zweifel zu begraben und den trauernden mit dem angebachten maß an respekt zur seite zu stehen, so weit mir das möglich ist. wiedergutmachung kann es in solch einem fall nicht geben.