Shibboleth

Tägliches Pendeln in der S-Bahn. Ich betrete den Wagen. Es gibt doppelt so viele Sitzplätze wie Reisende. Alle haben ihren Platz gefunden und bereiten sich gedanklich auf die Reise vor.
Man orientiert sich im neuen Lebensraum. Man sieht sich um und bereitet sich darauf vor, die sozialen Interaktionen herunter zu fahren um die Umgebung so wenig wie möglich zu stören. Menschen versenken sich in ihre Mobiltelefone, schauen aus dem Fenster, hören Dinge und starren ins Leere. Wenn sich Blicke treffen, schaut man schnell an eine Stelle.
Die Reise beginnt. Wenn alles gut geht, verharrt diese Konstellation bis zur nächsten Station. Dann wird man kurz wach werden, die veränderte Situation sortieren und sich wieder in den Reisezustand versetzen.

In diesem Zustand des schlafwandlerischen Analysierens entdecke ich manchmal Anomalien.
Mir diagonal gegenüber sitzt ein Mann. Die Beine mir abgewandt übereinander geschlagen. Unbewusst sitzen und handeln wir spiegelsymmetrisch. Mein Blick wandert über seine Hände. Seine Fingernägel sind mit Glitzerlack überzogen. Ich bin kurz irritiert und taxiere ihn erneut gesamt. Er bemerkt meinen Blick und wir sehen uns an.
Es ist ein ganz kurzer Moment des Zweifels zu spüren. Wie reagiert der Fremde auf diese Abweichung? Ich lächle. Er lächelt zurück. Wir erkennen uns und ziehen uns wieder zurück in unsere solitäre Reisegestalt.
Das Lächeln bleibt noch einige Zeit erhalten.

GfK

Nachrichten in der U-Bahn: “Berliner Wirtschaft wird immer weiblicher …”
Und ich so – jup, die Unternehmerberater sind alle Pussies.

Der Infoflyer für das Seminar zur gewaltfreien Kommunikation (“GfK”) ist echt eine dauerhafte Inspiration für Katharsis.

GFK steht in meiner alltäglichen Begriffswelt eher für “Glasfaserverbundkunststoff”. Das hat wesentlich weniger Potential für Esoterik-Bullshit.

Brückentechnologie

Ich habe heute auch mal einen dieser neuen fleischlosen Burger gegessen. Wenn sie schon bei den großen amerikanischen Burgerketten im Angebot sind, ist die Beschaffung auch relativ einfach.

Hm. Was soll ich sagen.
Der Burger war im Vergleich zu anderen Burgern der Kette nicht schlecht. Vielleicht sogar ein bisschen besser, weil man wusste, dass kein Tier sondern nur Menschen dafür ausgebeutet wurden.
Aber so im Großen und Ganzen drängt sich mir der Vergleich zum Elektroauto auf.
“Ja, es ist besser als der Vorgänger. Aber es löst die Probleme nicht. Es fühlt sich so ein bisschen nach Zukunft an, ist es aber bei genauerem Hinsehen nicht wirklich. Höchstens eine Art … Brückentechnologie.”
Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber ohne die alten Brücken hinter sich abzureißen.
Also Auto und Burger.

Verteilungsgedanken.

Gedanke: Computer sind Werkzeuge.
Werkzeuge steigern Produktivität.
Kognitive Produktion ist Klassifizierung.
Früher war Klassifizierung überwiegend binär (richtig/falsch).
Computer können binäre Klassifizierung heute schneller und besser als Menschen.
Damit ist ein Teilbereich kognitiver Arbeit durch den Menschen nur noch suboptimal durchführbar.
Selbst durchschnittliche Wertschöpfung ist nur noch mit komplexer – nicht binärer – Arbeit zu erzielen, weil der Mensch von einem Teilmarkt der Wertschöpfung verdrängt wurde.