dekonstruktion

diesem text vorangegangen waren einige reiligionsbejahende kommentare auf facebook, auf die ich ironisch und überzogen geantwortet habe. nach wiederrum differenzierten antworten darauf entstand der folgende text, der nachdem ich ihn für vollständig in bezug auf seine referenzen gehalten habe, den umfang eines facebook-kommentars doch “etwas” gesprengt hat. ein ernsthaftes statement zu dem thema war mir wichtig. eine diskussion ist willkommen.


wenn vernunft im diesseits verhaftet ist und der glaube fragen des jenseits betrachtet, dann sind vernunft und glaube durchaus zwei gegensätzliche dinge die man sehr wohl gegenüberstellen kann.

dass religion angst impliziert zeigt schon die aussage, dass die grundlegende struktur unseres lebens angeblich von einer höheren intelligenten macht erschaffen wurde – der schöpfungsgedanke. die plakative konkrete androhung eines leidens im fegefeuer ist für angst gar nicht notwendig. angst kann viel subtiler sein. alles physische in dieser welt ist durch menschen erfahrbar und beeinflussbar (im bedarfsfall mit werkzeugen). jedoch ein schöpfer oder “gott” ist etwas mit dem ich nicht bidirektional interagieren kann. als gläubiger könnte ich nur hoffen, dass die summe meiner handlungen das höhere wesen gütig stimmen, wenn es über mich richtet.
ja, ich rücke hier hoffnung in semantische nähe zur angst. das ist mir durchaus bewusst, denn lasst uns ruhig nochmal reflektieren, was dieses “hoffen auf ein leben in fülle” heißt. es beinhaltet die forderungen nach regeln aus einem bestimmten buch zu leben. ehrlich zu sein. zeit und arbeit dem weitertragen der religiösen nachricht zu widmen. oder auch nur den gott anzuerkennen. viele dieser dinge sind nicht von grundauf schlecht, aber der dahinterliegende gedanke, nämlich dass einem das “leben (ohne hülle) in fülle” verwehrt werden könnte, ist das was ich missbillige. religion ist das was in den finstersten utopien als gedankenpolizei bezeichnet wird. “gott ist überall”, “gott sieht alles”, “gott ist allmächtig” all das sind androhungen für den fall dass jemand die regeln nicht befolgt.
der direkte semantische erklärungsansatz weshalb hoffnung ein euphemismus für angst ist, ist hierbei viel einfacher: wenn jemand sagt “ich hoffe, dass dir nichts passiert” oder “ich hoffe, dass ich diese aufgabe schaffe”, dann äußert er auch immer die bedenken, dass das gegenteil eintreten wird. all zu oft sagt der gegenüber nämlich “hab keine angst das wird schon”.

zurück zur religion. das schlimme hieran ist, dass die deutungshoheit für das was dieses höhere wesen gütig stimmt, die kirchen für sich proklamieren. an spiritualität – als begriff für das persönliche (!) erleben von transzendentem bzw. unerklärlichem – ist dabei ja erstmal nichts auszusetzen.

abschließend zur religionskritik möchte ich nochmal sagen, dass ich religion durchaus als kulturbildenden katalysator sehe, weil sie das zusammenleben in einfachen umständen regelt. möchte man vom “recht des stärkeren” beim zusammenleben in gruppen abrücken ist die “erfindung” einer übergeordneten macht durchaus sinnvoll. hier vielleicht kurz das beispiel der naturvölker: der mächtigste mensch im dorf ist der schamane – es ist derjenige mit geheimwissen und der fähigkeit zum jeweiligen gott zu sprechen. dass nächstenliebe häufig als christlich bezeichnet wird, ist mir sehr unverständlich. nicht nur, dass es eine ganze menge beispiele für altruismus im tierreich gibt, auch in einer vernunftbegabten gesellschaft kann durchaus auch die rationale erkenntnis heranwachsen, dass es sinnvoll ist schwache mitmenschen nicht auf den straßen krepieren zu lassen. das was die religion und kirchen in der vergangenheit an kulturgütern geschaffen haben ist durchaus bemerkens- und erhaltenswert. nur die strukturen müssen weg um platz für etwas neues zu schaffen – religion darf gerne ins archiv und dort beispiel für künftige generationen sein.

ja, ich bin sicherlich als hacker grundsätzlich daran interessiert zu erfahren wie dinge funktionieren, aber ich weiß auch, dass dieser anspruch nicht auf alle menschen übertragbar sein muss. es genügt mir schon, wenn menschen zugeben können, dass sie etwas nicht wissen oder verstehen und dass sie keine ressourcen aufwenden wollen oder können sich dem thema zu nähern. hochgradig komplexe mechanismen (wie z.B. das leben) die in ihrem grunde aber erfahrbar und messbar und theoretisch reproduzierbar sind, sollten aber nicht als mystisch, magisch oder göttlich empfunden werden – das verhindert nur den wissenszugewinn. wobei die abwesenheit von wissen oder bildung bitte nicht mit dummheit gleichzusetzen ist, denn dummheit ist doch grundsätzlich die geminderte fähigkeit komplexe informationen zu verarbeiten.