charakterentwicklung.

ich spiele world of warcraft. sehr viele machen das.
konzipiert wurde warcraft als rpg – ein sogenanntes rollenspiel. dabei sind sehr wenige wow spieler überhaupt in der lage, einen kompletten und fehlerfreien satz zu schreiben.
weil mich ich mich – zumindest teilweise – als halbwegs intelligenten freund des geschriebenen wortes sehe, stört es mich wenn menschen in meiner umgebung nur in abkürzungen und anglizismen kommunizieren.
“ey, pull ma plz nicht gleich nach’m rezzen. ich muss erstmal reggen und int buff0rn.” sowas nervt. wobei dieses beispiel schon ein ganzer satz ist. noch kürzer bekomme ich es hier nicht über die lippen.
und weil diese form der verkrüppelten kommunikation nervt, spiele ich auf einem server auf dem rollenspiel auch in der geschriebenen kommunikation ausdrücklich erwünscht ist. es macht spaß dort zu spielen. die leute geben sich zumindest mühe in ganzen sätzen zu sprechen. der altersdurchschnitt ist höher. kurzum, das allgemeine niveau ist auf einer stufe in dem ein elitäres schwein wie ich, sich eigentlich ganz wohl fühlen kann.

wenn man nun das wort “rollenspiel” etymologisch betrachtet, merkt man daß es darum geht eine rolle zu spielen. im forum meiner gilde stellte jemand die frage nach “aktiven rollenspielern”. ich antwortete:

im voraus habe ich mir über das prinzip des rollenspiels keine gedanken gemacht, die weiter gehen als daß man sich konsequent in eine rolle hinein versetzt und diese auch nach außen transportiert.

das heißt ich habe meinen charakter. er hat eine geschichte. (auch wenn sie noch nicht niedergeschrieben ist) dieser charakter und seine eigenheiten zeigen sich auch bei fast jeder gelegenheit, wobei ich selten durch geschriebenes wort initiativ bin. ich habe mich bis jetzt nicht aktiv auf die “suche nach RP” begeben.

wenn ich RP betreibe, dann vorzugsweise in “weißer schrift”. ungern im gruppen-, gilden- oder raidchannel. (für gewisse elfen mache ich manchmal ausnahmen. [-: )

bei anderen habe ich RP oft nur nur als “lesbische elfen in ironforge vor dem auktionshaus” kennen gelernt. oder als profanes gelaber auf dem niveau von groschenromanen.

RP ergibt sich und ist für mich situationsabhängig (zB wenn es in arkatraz komisch müffelt, hat sich bestimmt wieder ein dämon im lüftungssystem verklemmt). das ist ungezwungen – weil sowieso gerade etwas freiraum ist, weil zum beispiel jemand afk ist. das ist originell – geschichten über verbotene liebschaften haben wir nun echt schon genug. und es ist so abwechslungsreich wie die welt die blizzard uns zur verfügung gestellt hat.
das ist RP für mich.

… und wenn ich mal muse habe, schreibe ich auch mal cyranas memoiren. damit sich erklärt, warum “ich” bin wie “ich” bin.

diese muse verspüre ich gerade.

der rauch bennt in der lunge. jede faser meines körpers schmerzt. warum? wo bin ich? elektrizität knistert in der luft. ich richte mich vorsichtig auf. der schmerz ist ungewohnt. auch das bedürfnis zu atmen. wie komme ich hier hin? warum blute ich?
vor schmerz wahnsinnig gewordene gnome flüchten schreiend an mir vorbei. sie hinterlassen einen schimmernden schweif. wahrscheinlich strahlung. sie nehmen mich gar nicht wahr.
langsam schleppe ich mich in eine ecke und versuche zur ruhe zu kommen.
verschaff dir einen überblick! orientiere dich! rufe ich mich zur ordnung. in meiner ruhigen nische betrachte ich meine umgebung. hohe gänge, leitungen, schienen. die farbe ist alt aber intakt. dort steht ein werkzeugkasten. neben einem offenen wartungszugang zu den rohrleitungen. was für ein seltsamer ort.
erschöpft döse ich weg.

die explosion einer leitung am ende des ganges weckt mich auf. verflixt. ich bin eingeschlafen. adrenalin schießt durch meine adern. mein rechter arm ist taub. auf der suche nach der ursache entdecke eine tiefe wunde in der nähe meiner pulsadern. unter mir hat sich bereits eine blutlache gebildet. warum zum geier blute ich? egal. das muss aufhören. fahrig reiße ich meinen gürtel ab und zurre ihn direkt unter dem ellenbogen fest um die blutung zu stillen. die erste hilfe ausbildung hat sich doch gelohnt.
um mich selbst zu heilen fehlt mir im moment die kraft. ich versuche es trotzdem. nur ein kleines bisschen. noch einmal sollte ich das bewusstsein nicht verlieren. ich konzentriere mich.
seltsam. das licht antwortet nicht. normalerweise war es immer da. dieses nervige flüstern – tu dies! geh dort hin! lass das! – es ist weg.
aber ich habe keine zeit darüber nachzudenken. eine weitere leitung platzt. diesmal ist es kein dampf – rotes gas füllt den gang. aus einem anderen seitengang flüchtet eine kleine gestalt in einem blauen overall. er sieht aus wie ein mitglied eines reparaturteams. die wabernde wolke umhüllt den winzigen kerl vollständig. hustend stoplerte der armselige gnom weiter und bricht zusammen. ich kann sehen wie er sich windend blut erbricht. verdammt, das gas ist wirklich giftig. ich muss hier weg.
in einem panischen reflex entziehe ich ihm das restliche quäntchen lebensenergie um mich zu stärken. whou. das ist neu. sowas habe ich noch nie geschafft. aber der arme gnom? naja. wenigstens leidet er nicht mehr. ich muss weg. die wolke hat mich fast erreicht.

mit frischer kraft – es kribbelt etwas und da ist ein klagendes stimmchen – erhebe ich mich und suche den ausgang. vorbei an schrecklich entstellten gnomen orientiere ich mich an dem weg, den sie zur flucht einschlugen. schon wieder erschöpft erreiche ich den großen fahrstuhl der scheinbar zum ausgang führt. die leichen liegen hier an dicht an dicht. ansonsten ist dieser riesige offensichtlich unterirdische ort verlassen. nach einer schier endosen fahrt mit dem aufzug, schlägt mir am ausgang beißend kalte luft entgegen.
vor der witterung schutz suchend verkrieche ich mich in einer der verlassenen hütten. weit und breit ist keine seele zu sehen. was ist hier passiert?

ich komme etwas zur ruhe und versuche erinnerungen zu rekonstruieren. wie bin ich hier hergekommen? ach ja …
ich war in azshara. meine aufgabe für einen magier war gerade erledigt, als ich die abgeschiedene gegend nutze um meine neueste errungenschaft etwas ausgiebiger zu testen. die basteleien der goblins hatten es mir angetan. irgendein verrückter kerl – farflinger war sein name – erzählte mir von seinen experimenten mit einem dimensionszerfetzer. richtig justiert sollte man ihn zum reisen benutzen können. ich hatte mir auch so ein kleines wunderding gebastelt. der integrierte generator brauchte ewig zum aufladen der kondensatoren aber schlussendlich öffnete sich tatsächlich ein kleines dimensionsportal. die versuche in azshara waren die ersten bei denen ich die translokation von materie ernsthaft in betracht zog.

aber irgendwas ging schief. was war es nur?, murmelte ich vor mich hin. genau. das begrenzungsfeld. eine von diesen dämlichen elfen hatte mich bei den tests unterbrochen. die elektrischen interferenzen wären schädlich für die natur. elune hätte sie geschickt meinem treiben ein ende zu bereiten. als gesegnete priesterin sylvanas interessierte ich mich nicht für die belange der elfen. und natur? naja, ich war eine von tausenden, die den nicht mehr ganz lebenden beweis darstellten, daß sterben nicht ganz verkehrt sein muss. noli turbare circulos meos! herrschte ich sie an zu gehen. die elfe zog sich zurück. hatte ich gedacht. sie schlich sich an und attackierte mich. mit scharfen krallen. was für seltsame wesen, diese elfen. ich hatte keine zeit über die kräfte der baumkuschler zu sinnieren. mit einem markerschütternden schrei verscheuchte ich die felide gestalt. jedoch ließ sie nicht locker. ich musste meine aufmerksamkeit vom versuchsaufbau abwenden und meine ohnehin zerbrechliche existenz vor der agressorin verteidigen. es entbrannte ein kampf auf leben und tod. ich zog alle register meiner fertigkeiten. ein schild schützte mich. meine heilende magie wirkte lindernd auf die wunden. und dann griff ich an. vor wut tobend brannte mich tief in ihren geist. lähmte ihre gedanken und ängstigte sie. die elfe wechselte stetig die gestalt. mal war sie bär, mal katze, mal elf. sie wehrte sich trotz der enormen schmerzen mit allen mitteln. erst eine geschickt platzierte granate entschied den kampf zu meinen gunsten. die druckwelle desorientierte die feinfühlige elfe – geistesgegenwärtig gab ich ihr einen schubs. während der bewusstlose körper den abhang hinabpolterte schaute ich voller befriedigung hinterher. P0wnz0rized by GoblinTech, miststück!, rief ich ihr hinab. das knacken splitternder knochen war der anlass mich wieder meinem experiment zu widmen.

als ich mich umdrehte, traute ich meinen augen kaum. irgendetwas hatte den dimensionsriss des zerfetzers stark vergrößert. nunja. die natur in der umgebung hatte tatsächlich etwas gelitten. nicht ganz bei der sache notierte ich: kondensatoraufladung mittels magie überprüfen.
es pulsierte ein inzwischen haushoher riss in der landschaft. tendenz zunehmend. das phänomen war kugelrund und von einer korona aus energieentladungen gesäumt. blitze schlugen über und verbrannten die umliegende umgebung. in degressionsphasen konnte ich erkennen, daß die sphäre materie aufsog. es war als wäre das umgebende erdreich nie da gewesen. eine tendenz zur abschaltung oder degeneration war nicht erkennbar. ich musste den zerfetzer manuell deaktivieren.
zum glück war der versuchsaufbau weit genug von dem riss entfernt. wieder schütze ich mich mit meinem schild. die blitze schlagen schon gefährlich nahe des generators ein. gerade als ich die kondensatoren vom rest der anlage trennen will trifft mich ein blitz der korona. kreischender schmerz durchzieht meinen körper. der zerfetzer bekam eine energiespitze und ich sehe eine gleißende wand auf mich zu rasen.

das nächste an was ich mich erinnere ist die verwüstete unterirdische stadt mit den sterbenden gnomen. was für wunderliche wesen. ich war ihnen schon vorher kurz begegnet. aber sie ergriffen immer schnell die flucht. seltsam, daß sie mich diesmal gar nicht beachteten. nun gut, ihre stadt ging gerade den bach runter. da war eine untote sicherlich nur eine sekundäre gefahrenquelle.
aber moment! irgendetwas stimmt hier nicht, nuschle ich vor mich hin.
plitsch. das geräusch des bluttropfens auf dem boden trifft mich wie ein hammerschlag.

natürlich! der beißende rauch in der lunge … meine blutende wunde … diese hütte hier. es ist eine behausung von gnomen. normalerweise sollte ich nur auf knien durch die tür passen. ich bin wie gelämt. ist so etwas möglich? bin ich wirklich?
ich traue mich kaum an mir herab zu schauen. tatsächlich! verdammt nochmal! merde! was für ein unfall. na immerhin bin ich am leben.
irgendwie mehr denn je.
es fühlt sich gut an.
fast wie früher.
vor der seuche.
ich mache mich auf die suche nach einem spiegel. na gut. immerhin besser als vorher. und meine zahnfleischprobleme sind auch weg.

ich trete vor die tür. die kalte luft tut nun gut. sie sorgt für klare gedanken. ich atme tief durch. da stehe ich nun. die dame kalliope ist tot. oder zumindest nicht mehr da. oder nur noch ihr geist. gefangen im körper einer gnomenfrau, die ihre besten jahre lange hinter sich gelassen hat. das dauert noch etwas bis ich das gänzlich verdaut habe, sage ich im stillen zu mir. noch einmal fülle ich meine lungen mit der bitterkalten luft und gehe zurück in die hütte.

[fortsetzung folgt]

2 Replies to “charakterentwicklung.”

  1. Sehr schön…

    Am Anfang war die Story nicht schlecht, aber auch nichts besonderes, aber am Ende hast du mich erwischt. Als du von der Untoten schriebst, schoss mir auch in den Kopf, wie sie denn bluten könne. Na das nenn ich mal eine Entstehungsgeschichte. Mit diesem Hintergrund kann man einiges machen :clapping:
    Wie steht es um Cyrana?
    Besitzt sie noch alle Erinnerungen aus ihrem alten Dasein?
    Wie kommt es, dass sie einen neuen Namen angenommen hat?
    Was ging in der Gnomenstadt ab und hat ihr Experiment etwas damit zu tun?

    :whistling: Also ich freu mich auf die Fortsetzung…kann es kaum erwarten.

  2. der entwurf für den zweiten teil ist geschrieben. aber da ich momentan – außer auf arbeit – offline bin, komme ich kaum zum weiterschreiben.
    hab geduld mein freund.

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