Shibboleth

Tägliches Pendeln in der S-Bahn. Ich betrete den Wagen. Es gibt doppelt so viele Sitzplätze wie Reisende. Alle haben ihren Platz gefunden und bereiten sich gedanklich auf die Reise vor.
Man orientiert sich im neuen Lebensraum. Man sieht sich um und bereitet sich darauf vor, die sozialen Interaktionen herunter zu fahren um die Umgebung so wenig wie möglich zu stören. Menschen versenken sich in ihre Mobiltelefone, schauen aus dem Fenster, hören Dinge und starren ins Leere. Wenn sich Blicke treffen, schaut man schnell an eine Stelle.
Die Reise beginnt. Wenn alles gut geht, verharrt diese Konstellation bis zur nächsten Station. Dann wird man kurz wach werden, die veränderte Situation sortieren und sich wieder in den Reisezustand versetzen.

In diesem Zustand des schlafwandlerischen Analysierens entdecke ich manchmal Anomalien.
Mir diagonal gegenüber sitzt ein Mann. Die Beine mir abgewandt übereinander geschlagen. Unbewusst sitzen und handeln wir spiegelsymmetrisch. Mein Blick wandert über seine Hände. Seine Fingernägel sind mit Glitzerlack überzogen. Ich bin kurz irritiert und taxiere ihn erneut gesamt. Er bemerkt meinen Blick und wir sehen uns an.
Es ist ein ganz kurzer Moment des Zweifels zu spüren. Wie reagiert der Fremde auf diese Abweichung? Ich lächle. Er lächelt zurück. Wir erkennen uns und ziehen uns wieder zurück in unsere solitäre Reisegestalt.
Das Lächeln bleibt noch einige Zeit erhalten.