Nachwort

Lec und seine Gedanken

Das 20. Jahrhundert begann in Polen turbulent, aber nicht sehr rosig. Das Fin-de-siecle hüllte das Land in neue Trauer und Untergangsstimmung. Polen war immer noch unfrei - seit über einem Jahrhundert schon - unter drei Mächte geteilt, die unterschiedliche Interessen durchzusetzen suchten und unterschiedlich das Volk unterdrückten, jede auf ihre unangenehme Weise. Die Polen hatten den - zum wievielten Male schon! - mißlungenen Aufstand von 1863 immer noch nicht verwunden . Sie waren gerade dabei, den schwachen Trost des wenig erfolgreichen Positivismus mit seinem hochgekommenen Spießbürgertum mit dem Bade des Modernismus, Pessimismus, Hedonismus auszuschütten. Die Revolution von 1905 hatte Hoffnungen, sogar "Träume von der Macht" (bei den Dichtern) geweckt, sie aber nicht erfüllen können. Über dem Land lagen Asche und Rauch des Mißlingens. Es gab in dem unzumutbaren permanenten Unheilzustand zwischen Revolution und Krieg sehr viel zu fürchten und zu verspotten, doch eigentlich nichts zu lachen.

"Wenn es nichts zu lachen gibt, kommen Satiriker auf die Welt." St.J. Lec wurde am 6. März 1909 in Leinberg geboren. Die Familie Letz (so die Schreibweise in den k. u. k. Urkunden) war in Czortków in Galizien ansässig, als l914 die Russen nach Ostgalizien kamen, flüchtete sie nach Wien. Der Vater, Benno Letz de Tusch, war Bankdirektor, die Mutter Adele eine Tochter des Grundbesitzers Jan de Safrin. Die Familie soll von den Sephardim abstammen, die in ihrer heiligen Stadt nördlich des Sees Genezareth eine berühmte Rabbinerschule unterhielten und über die Diaspora in Spanien als Vertriebene nach Holland, darin an den Rhein und weiter in den slawischen Osten kamen.

Von 1927 bis 1933 studierte Lec in Lemberg Polonistik und Jura (magister juris) und ging dann nach Warschau, wo er rasch als Lyriker und Satiriker bekannt wurde und Zugang zu den führenden Blättern bekam. Er war in den »Nadeln« (Szpilki) und den »Signalen« (Sygrialy) zu lesen, im Organ der linken Künstler "Lewar" und im »Linken Gleis« (Lewy Tor), im »Skamander« und im »Schwarz auf Weiß« (Czarno na Bialym) vertreten.

Sein erster Gedichtband, »Farben«, erschien 1933 in Lemberg und kennzeichnet die Vielfalt, aber auch die Unsicherheit seiner ersten artistischen Versuche. Sie reichten vom russischen Imaginismus über den italienischen Futurismus bis zum deutschen Expressionismus. Ähnlich bunt war auch die zweite Publikation, »Zoo«, 1935, deren Gedichte noch bombastischen Charakter und agitatorischen Duktus hatten, Sein drittes Buch, »Pathetische Satiren«, Warschau 1936, mit einem Mephistopheles-Zitat aus Goethes "Faust" als Motto, war eine genaue Bezeichnung des Paradoxons, das den Autor und Menschen Lec ausmachte und dessen sich der Autor und Mensch Lec genau bewußt war, als er schrieb, die Satire habe auszugraben, was das Pathos zugeschüttet hat.

Nach Ausbruch des Krieges ging Lec wieder nach Lemberg. Beim Einmarsch der deutschen Truppen 1941 wurde er verhaftet und ins Konzentrationslager Tarnopol gebracht. Zweimal entging er glücklich einer Erschießung, das zweite Mal kurz vor der Auflösung des Lagers, 1943, als er sich zusammen mit einer Gruppe von Gefangenen deutsche Uniformen verschaffen konnte. Er überlebte den Krieg als Partisan und Redakteur konspirativer Soldatenzeitungen.

1945 wirkte Lec bei der Neugründung der satirischen Zeitschrift "Nadeln" (Szpilki) mit, 1946 gab er den Gedichtband "Feldnotizbuch" und die Satiren »Spaziergang eines Zynikers« heraus, 1949 schickte ihn die Volksrepublik Polen als Presseattaché nach Wien. Als er 1950 seinen Posten in Wien aufgeben sollte, verbannte er sich freiwillig nach Israel, hielt jedoch die Belastungen der neuen Umwelt nur bis 1952 aus und kehrte, heimwehkrank, nach Warschau zurück. Inzwischen waren zwei weitere Bücher von ihm, "Das Leben ist ein Scherzgedicht", 1948, und "Neue Gedichte", 1950, erschienen. Einen Teil dieser Gedichte gab Helene Lahn 1949 unter dem Titel »Über "Brücken schreitend", in Wien auf deutsch heraus. Die reinste Lyrik enthält die "Jerusalemer Handschrift", 1957 in Warschau erschienen, mit Gedichten aus der Zeit seiner freiwilligen Verbannung.

Mit dem polnischen Oktober 1955 begann Lec's Karriere als Aphoristiker. In kurzer Zeit waren die "Unfrisierten Gedanken" zu geflügelten Worten geworden; Lec standen wieder nahezu alle Redaktionen der Hauptstadt offen. Er sublimierte sein bitteres Schicksal in winzigen Sätzen und prägte die treffendste Nomenklatur unserer Zeit, aus Poesie und Logik, aus Trotz und Nachsicht. Durch Lec wurde der Aphorismus erneuert und wieder literarische Kunstform. Mit Hilfe lapidarer Einwände wurden große Vorwände mit wenig Aufwand transparent.

Der polnische Aphorismus dieses Jahrhunderts trägt einen Trauerflor an der spitzen Lanze seines Humors. Er ist weniger spielerisch als anderswo, weniger »brillant«, mehr seinsbezogen. Seinen Hintergrund bilden Galgen und Kreuze, Käfige und Ketten. Er ist bitterernst und schweren Mutes, auch wo er Leichtigkeit vorschützt. Aus der Diskrepanz zwischen dem, was er (manchmal harmlos) sagt, und dem, was er (oft makaber) meint, folgt die Katharsis (die "reinigende" Erschütterung).

Lec ragt aus dem Dutzend seiner Vorgänger und Zeitgenossen vor allem durch den Reichtum und das Gewicht des Themas heraus. So präzise und einleuchtend wie Lee die geheuchelten Himmel und die geschminkten Höllen vor uns entlarvt, vermögen es Sachbücher kaum. in seiner Kürze liegt nicht nur Würze sondern auch Wahrheit und Wirksamkeit des Worts in seiner ursprünglichen biblischen Bedeutung.

Lec' Werk läßt sich wie die "Mischna" zu sechs Themenkreisen ordnen: Religion, Sitte, Staat, Macht, Wahrheit, Recht. Die Mischna, die Grundschrift des Talmud, als Sammlung von Lehr-(Erfahrungs-, Grund-)Sätzen zu verstehen, die auf Wiederholung basieren, fand in Lec' »Unfrisierten Gedanken« sekuläre Aktualität. Wie die Halacha (die Verhaltensregeln) und die Aggada (Sage) im Talmud, so ist auch in Lec' Gedankenwelt Pädagogisches mit Literarischem vermengt. Im Sinne dieser Tradition sind die Lecschen Aphorismen vorzüglich Erbauliches und Belehrendes in einem: als Wiederholungen (Mischna), als Fortsetzungen (Tossefta) und als Vollendungen (Gemara).

Die Schrift der Semiten drängte als erste zu abstrakten Kürzungen, bis zum Verzicht auf die Vokale. Ihr Ideal war das komprimierte Stenogramm. Die Griechen, denen jedes Detail wichtig war und die differenzierte Vielfalt heilig, kamen damit nicht aus und bescherten dem Abendland die phonetische Schrift. Lec nahm die Kraft der Konsonanten aus dem Aramäischen, den Reiz der Vokale aus dem Ukrainischen und entwickelte mit Hilfe der deutschen Grammatik seine Sprache, das Polnisch, das ihm am nächsten lag und ihn am höchsten beflügelte, zu ein syntaktisch verwandlungsfähigen Instrument. Die Prägnanz der Talmudsprache wurde bei ihm durch die poetische Intensität der Bibelsprache, das Reformatorische des Deutschen durch das Temperament des Slawischen bereichert und gesteigert. Lec' Lebenserfahrung reichte von der Pein des Babylonischen Exils bis zu den politischen Vernichtungslagern unseres Jahrhunderts. Seine Bedeutung gewinnt zusätzliche Symbolkraft, weil er als einer der Letzten stellvertretend für ein Volk und seine Subkultur, die untergeht, wenn sie nicht schon untergegangen ist, als Mahnmal dasteht. Insofern erfüllt Lec neben den anderen auch die musilsche Definition des Aphorismus exakt: der Aphorismus sei Schicksal.

Was Lec' Aphorismen, von ihm sehr zu recht »Gedanken« genannt, vor allem bewirken, ist die äußerste Mobilmachung des Denkens. Das Echo, das sie überall dort, wo sie auftauchen, finden, bestätigt diese Behauptung. Lec erreicht es grundsätzlich auf drei Wegen. 1. dem des indirekt aggressiven Engagements, 2. dem der paradoxen Reizwirkung und 3. dem der politisch-moralischen Stichhaltigkeit. »Nicht sein, sondern denken, denken, denken.« Es lebt etwas von Aristoteles in dieser Haltung nach, der die freie Nachdenklichkeit mit vollzogenem Entschluß gleichsetzte etwas von Sokrates, dem Denken allein schon Dasein war, von Thomas von Aquin, der gepredigt hatte, der Mensch sei durch das, was er denkt, das, was er ist, vom cartesischen "cogito ergo sum". Da Lec aber kein berufener Philosoph, kein Systematiker war, sondern ursprünglich und vor allem moralischer Wortkünstler, war sein Denken wesentlich im künstlerischen Formtrieb integriert. Das Denken als "innere Sprache, die einzig mögliche freie und wahre Sprache" (Platon) machte Lec durch Einsatz agitatorischer Fermente zum gesellschaftlichen Ereignis. Dem Künstler war hier das Formale seines Denkens Tatbestand. "Feile an deinen Gedanken. Vielleicht ist das eine Art zu entkommen."

Lec bezog seine Inspirationen aus verschiedenen Quellen ("Ich habe von vielen Quellen getrunken, und bin ewig durstig"), nicht zuletzt aus seiner intimen Kenntnis der deutschen Literatur, was seine Übersetzungen der Gedichte und Epigramme von Goethe, Grillparzer, Lessing, Morgenstern, Heine bezeugen. Von Heine stammt das »Wahrzeichen« der Lecschen Aphorismen ("schön gekämmte, frisierte Gedanken"). Es gibt bei Lec Parallelen und Pointen, Techniken und Wortspiele à la Lichtenberg, Ebner-Eschenbach, Ringelnatz, Kästner, Kraus, aber niemals ohne schöpferische Eigenleistung, ohne triftige akute Bezüge oder Bilder. Wo Lichtenberg die anmutige Ironie eines gelehrten Kauzes, Karl Kraus die Bissigkeit eines Misanthropen kennzeichnen, ist Lec die melancholische Menschenfreundlichkeit eigen, das Lächeln mit der Träne im Auge. Was den ersten beiden noch gerade erträgliche Umweltärgernisse eingaben, was ihnen ihr körperlicher Buckel war - der nach Kuno Fischer "das Vermögen des Witzes außerordentlich schärft und in fortwährender Bewegung erhält" - das war bei Lec (abgesehen von dem Buckel seiner Nase, die er für die größte und krummste von Warschau hielt) die viel beschwerlichere Last seines summarisch europäischen Schicksals: als Jude, Pole, Emigrant, Reemigrant, Monarchist, Sozialist, Pazifist und Partisan, vielfach Verfolgter und vielfach Entronnener - bis in die endgültige körperlose Freiheit eines Verfassers von unsterblichen Aphorismen.

Den »Unfrisierten Gedanken«, 1957-1959, folgten noch einige Buchpublikationen: »Aus tausendundeinem Scherzgedicht« und »Ich spotte und frage nach dem Weg«, beide 1959, danach »An Abel und Kain«, 1961, »Steckbrief«, 1964, aphoristische Morallyrik, rhythmisierte (unfrisierte) Gedanken, und »Gedichte auf dem Sprung«, 1964. Bereits von Krankheit gezeichnet, von innerer Hast getrieben, gab Lec die »Neuen unfrisierten Gedanken«, 1964-1966, und die gesammelte »Epigrammlese«, 1966, heraus. Am 7. Mai 1966 starb der königliche Narr, um - als wäre es seine letzte Pointe - mit allen Ehren eines Staatsbegräbnisses, mit Parademärschen, Salutschüssen und Orden auf dem Militärfriedhof Powazki bei Warschau begraben zu werden.

Sein Schicksal nahm das lateinische Vorurteil »nomen est omen« (Name ist Vorbedeutung) beim Wort und ließ es sich an ihm erfüllen. Letz bedeutet hebräisch Satiriker. Die mittelhochdeutsche Letze (Grenzbefestigung, Schutzwall) verleiht ihm poetisches Gewicht. Auf deutsch heißt letzen ebenso erquicken wie bedrücken, seine Gedanken kreisten um letzte Dinge. Und schließlich und zuletzt bedeutet Letzt das Abschiedsmahl, die Totenfeier. »Schade, daß man ins Paradies mit einem Leichenwagen fährt.«

Den besten Nekrolog für Lec hat Lec geschrieben. Gleich mehrfach »Wer in der Schublade keinen Platz hat, der sorge für einen Sarg.« »Seien wir diskret. Fragen wir die Toten nicht danach, ob sie gelebt haben.« Und »Ende der Todesanzeige: Er ist nicht tot. Er hat seine Lebensweise geändert.«

Karl Dedecius

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