{"id":211013,"date":"2023-08-08T19:08:28","date_gmt":"2023-08-08T17:08:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sentinelx.de\/blog\/?p=211013"},"modified":"2024-01-05T01:21:39","modified_gmt":"2024-01-05T00:21:39","slug":"sgs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.sentinelx.de\/blog\/?p=211013","title":{"rendered":"SGS"},"content":{"rendered":"<p>Bin ich auch Betroffener der strukturellen Gesamtschei\u00dfe? Manchmal w\u00fcrde ich das zumindest nicht bezweifeln. <\/p>\n<p>https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/grosse-gefuehle-wir-leben-in-einer-neuen-barockzeit-dlf-kultur-5bab00b0-100.html <\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>(automatic transcript)<\/p>\n<blockquote><p>Vor etwa 400 Jahren begann die Epoche des Barock. Es war eine Zeit der Gegens\u00e4tze \u00fcberbordende Lebensfreude auf der einen Seite, Angst vor Tod und Verg\u00e4nglichkeit auf der anderen. Das bestimmende Ereignis war der 30-j\u00e4hrige Krieg. Die Bev\u00f6lkerung litt gro\u00dfe Not, ganze Regionen wurden verw\u00fcstet. Elend, Armut, Zerst\u00f6rung. Das Ende schien nahe. Im Angesicht dieser Bedrohungen wuchs aber auch der Lebenshunger der Menschen und der Wunsch, jeden Moment intensiv wahrzunehmen. Der Autor und Journalist Steffen Greiner ist der Meinung, dass wir gerade eine Wiedergeburt des Barock erleben. <\/p>\n<p>Vor einigen Jahren lie\u00df ich mich in eine Klinik einweisen. Depression, Kr\u00e4mpfe in allen Gliedma\u00dfen. Es war sch\u00f6n da vor der Stadt, zwischen Wald und See. Aber es gab auch den Druck einer harten W\u00e4hrung. Tr\u00e4nen. Wer, wann Welchen therapeutischen Durchbruch hatte, wurde von uns Patientinnen ganz selbstverst\u00e4ndlich daran festgemacht, wie unkontrolliert, dammbruchartig das Weinen war, das regelm\u00e4\u00dfig durch die Gruppe schoss. F\u00fcr uns sozial bunt zusammengew\u00fcrfelte Schicksalsgenossinnen bedeuteten Tr\u00e4nen, Erfolg und Macht. L\u00e4ngst sind Tr\u00e4nen auch au\u00dferhalb der Klinik eine harte W\u00e4hrung. Ich will gar nicht in den Kammerchor des falschen Rationalismus einstimmen, der eine Hufeisentheorie der Gef\u00fchle beschw\u00f6rt. Aber es stimmt, dass extreme Gef\u00fchlslagen heute auf beiden Seiten des politischen Spektrums Handlungsmacht bedeuten. Es hei\u00dft ja oft, wir lebten in den neuen Zwanzigern, tanzten wieder auf dem Vulkan. Dabei leben wir eigentlich in einem neuen Barock. Memento Mori \u00fcberschreibt sich quasi seit Jahren jede Nachrichtenseite. Und wer sich \u00fcber die Wiederkehr der Zigarette bei der GenZ wundert, kann er noch mal in den Schulnotizen zu Carpe Diem nachschlagen. Gr\u00f6\u00dfte Parallele aber das Ausleben extremer Gef\u00fchle. 300 Jahre nach dem Barock geh\u00f6rt es wieder zentral dazu in dieser neuen Barockzeit, in der man also selten ein bisschen niedergeschlagen ist, sondern konstant so m\u00fcde. Selten ein verhuschtes L\u00e4cheln zeigt, aber stets zynisch laut auflacht, selten ein unangenehmes Ziehen im Bauch sp\u00fcrt, sondern immer gro\u00dfe Wut. Es gibt jeden Grund, als Betroffene der strukturellen Gesamtschei\u00dfe gigantisch w\u00fctend zu sein. Wut ist ein wichtiger Motor und ein Produktiverer sicher als die Angst, die auf der anderen Seite des Spektrums dominiert. In echt kennen aber auch Menschen in gro\u00dfer Wut in ihrem Gef\u00fchlsleben mehr Farben und Texturen, als das Reden dar\u00fcber zul\u00e4sst. Denn gerade das offene \u00f6ffentliche Sprechen \u00fcber Gef\u00fchle bedeutet ihre Reduktion auf Schemen. Es deckt Schattierungen zu, die helfen w\u00fcrden, sie zu verstehen. Die Gef\u00fchle, \u00fcber die geredet wird, m\u00fcssen eine gewisse Minimal krassheit aufweisen, das Kleister, das revolution\u00e4re Gehalt gelebter Emotionen gleich wieder zu. In Gef\u00fchlen liegt ein Potenzial, die Dominanz patriarchaler Rationalit\u00e4t aufzubrechen, aber eben auch das Potenzial, die rationalen Diskurse demokratischer Entscheidungsfindung durch das populistische Beschw\u00f6ren von Emotionen zu manipulieren. Daraus folgt nicht, dass Gef\u00fchle zu kontrollieren und zur\u00fcckzuhalten sind, sondern dass wir sie alle besser kennen und verstehen lernen m\u00fcssen und lernen m\u00fcssen, so \u00fcber sie zu reden, dass ihre Macht erhalten bleibt, sie aber auch einen Eigensinn gewinnen, der sie nicht v\u00f6llig im politischen Raum aufgehen l\u00e4sst. Das ist vielleicht auch Aufgabe gesamtgesellschaftlicher Bildungspolitik, zumindest solange Klasse race gender auch mitbestimmen, wie Emotionen erlebt, erkannt und angenommen werden. Auch diese Ressource muss schlie\u00dflich gerecht verteilt werden. Frei Emotionen zeigen und kommunizieren zu k\u00f6nnen, bedeutet Emanzipation. Aber letzten Endes brauchen Emotionen auch die Freiheit, nicht selbst wieder Teil eines Machtsystems zu werden. Ein neuer demokratischer Barock. Wenn wir auf so etwas mentalit\u00e4tsgeschichtlich zusteuern, muss die Hierarchisierung der Emotionen und derer, die sie zeigen, unterlaufen. Zugunsten der Freude an der oft banalen grauen Widerspr\u00fcchlichkeit des allt\u00e4glichen Gef\u00fchlslebens. Sie weinte, aber sie nahm, hei\u00dft es, zynisch \u00fcber die barocke Kaiserin Maria Theresia, die im Schauspielunterricht Emotionen auf Knopfdruck als politisches Druckmittel erlernte. Tr\u00e4nen k\u00f6nnen helfen, erfuhr ich in der Klinik. Ein relevanter Marker f\u00fcr Heilung sind sie nicht. Das gilt vermutlich auch hier drau\u00dfen. <\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bin ich auch Betroffener der strukturellen Gesamtschei\u00dfe? 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